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Digitaler Kampf gegen Amokläufer, Regenfluten und Cyberattacken

Die Liste von Sicherheitsrisiken und Katastrophen ist lang, und sie können unterschiedlicher kaum sein.

Finden Sie hier den Artikel “Digitaler Kampf gegen Amokläufer, Regenfluten und Cyberattacken” von Rüdiger Köhn aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 1. September 2019.

 

F.A.Z. Unternehmen (Wirtschaft), Seite 22 

NETZWIRTSCHAFT

Digitaler Kampf gegen Amokläufer, Regenfluten und Cyberattacken

Zur Krisenmanagement- und Katastrophenschutzplattform der amerikanischen Everbridge gehört auch Künstliche Intelligenz / Von Rüdiger Köhn

MÜNCHEN, 1. September

Die Liste von Sicherheitsrisiken und Katastrophen ist lang, und sie können unterschiedlicher kaum sein. Es gibt die von Menschen verursachten Gefahren mit politischen Konflikten, Amokläufen in den Vereinigten Staaten oder Messerstechereien in bestimmten Vierteln Londons, die Geschäftsreisende und Touristen meiden sollten. Es gibt Naturkatastrophen wie den “Blackrainstorm” in Hongkong, der regelmäßig im Mai oder Juni des Jahres sintflutartige Sturzbäche auslöst und Menschen mitreißt. Dann sind da mit Hackerangriffen auf das Internet technische Zwischenfälle, die das digitale Leben lahmlegen können.

In jedem der Ernstfälle ist ein schnell greifendes Krisen- und Alarmmanagement gefordert. Terroristische Bedrohungen sind noch der kleinste Ausschnitt aus dem extrem breiten Spektrum von Gefahrenpotentialen. Dabei waren es die Anschläge auf das New Yorker World Trade Center am 11. September 2001, die wenige Monate später – im Jahr 2002 – zur Gründung von Everbridge Inc. führten. Das börsennotierte amerikanische Unternehmen hat sich damals zur Aufgabe gemacht, Notfallpläne für Bedrohungslagen, Informationssysteme in angespannten Lagen, Instrumentarien für den Umgang mit Krisenfällen und Warnsysteme zum effektiven Schutz der Menschen zu entwickeln. Sie waren zu jener Zeit überall auf der Welt gefragt.

Heute bietet Everbridge eine digitale Sicherheitsplattform an, die Informationen sammelt und analysiert, Handlungsoptionen entwickelt und Kontrollzentren mit Frühwarn-, Notfall- oder Alarmsystemen speist. Das Krisen- und Katastrophenmanagement – “Critical Event Management” genannt – arbeitet mit einem so komplexen System, dass es ohne Künstliche Intelligenz nicht auskommt. “Die Plattform ist nicht allein auf terroristische Bedrohungen ausgerichtet”, sagt Tracy Reinhold, Sicherheitsvorstand (Chief Security Officer, CSO) von Everbridge. “Sie ist ausgelegt, um Unternehmen, Institutionen, Städte, Gemeinden, Staaten gegen alle kritischen Eventualitäten zu wappnen – und das effektiver als je zuvor.”

Der Amerikaner ist prädestiniert für seinen Job. Er war 22 Jahre lang Spezialagent des Federal Bureau of Investigation (FBI), bevor er in die Privatwirtschaft wechselte; zunächst als Vorstand Global Investigation für den Einzelhandelsriesen Walmart, dann als CSO des Hypothekenfinanzierer Fannie Mae. Nun befasst er sich mit einem unüberschaubaren Aufgabenfeld: dem Schutz der Menschen vor politischen und kriminellen Bedrohungen, vor Feuer, Natur- oder Wetterkatastrophen, der Analyse von Verkehrs- und Wetterproblemen, der Abwehr von Cyber-Attacken und Maßnahmen gegen Stromausfälle, Umweltschäden oder Störungen in Lieferketten. Auch Informationen über Rückrufe von Produkten oder über Engpässe in der Medizinversorgung gehören dazu.

Unabhängig vom Einsatz arbeite das System immer nach dem gleichen Muster. “Die Plattform ist dieselbe”, sagt Reinhold. Und das mache sie “unbegrenzt skalierbar”. Kunden – ob Regierungsbehörden, Unternehmen, Banken, Versicherer, Flughäfen oder Krankenhäuser – sind mit der Plattform vernetzt, erhalten aber nur die auf sie zugeschnittenen Anwendungen. Überflüssige und unwichtige Informationen werden herausgefiltert, was ein Überfluten mit sekundären Informationen verhindert. “Das vereinfacht die Prozesse”, sagt der ehemalige FBI-Agent.

Ein Alarmierungs- und Informationsystem kann zudem Menschen warnen. Gerade erst wurde in Australien in Zusammenarbeit mit einem Telekommunikationsanbieter das Frühwarnsystem “Emergency Alert Australia” installiert. Mit ihm können die 25 Millionen Einwohner sowie die jährlich 9 Millionen Besucher des Landes per SMS ortsbezogen über Notfälle benachrichtigt werden, seien es Buschfeuer, extremes Wetter oder ein Terroranschlag. Während des Boston-Marathons im April versorgte die Digital-Plattform die 10 000 freiwilligen Helfer in Echtzeit mit Informationen über den Fortschritt des Laufs und über mögliche Störungen, hielt das medizinische Personal vor Ort und in Krankenhäusern mit Textnachrichten auf dem Laufenden.

Everbridge hat im vergangenen Jahr nach eigenen Angaben 2,8 Milliarden Nachrichten versendet, informierte über seine Systeme 500 Millionen Menschen in 200 Ländern; einschließlich aller mobil erreichbaren Einwohner Schwedens, der Niederlande, Singapurs, Griechenlands oder der Bahamas. Neun der zehn größten Städte sowie die 25 größten Flughäfen in den Vereinigten Staaten gehören zu den Kunden sowie sechs der zehn dominierenden Autohersteller der Welt. Zu den 4500 Kunden gehören auch Apple, Amazon, Microsoft oder Accenture.

Grenzenlose Speicherkapazitäten für enorme Datensammlungen und die technisch immer ausgefeilteren Methoden zu deren Auswertung erlauben derartige Angebote, die sich im globalen Internet häufen. Die 2013 gegründete deutsche Riskmethods aus München zum Beispiel hat für Produktionsnetzwerke und Lieferketten ein Frühwarnsystem für Betriebsstörungen entwickelt. Doch umfasst Everbridge nicht nur ein wesentlich breiteres Spektrum, sie bietet über das mobile Netz auch aktives Krisenmanagement an.

Die Informationsflut aus mehr als 100 Quellen steuert die Künstliche Intelligenz, die aggregiert und filtert. Daten stammen von Wetterdiensten oder Verkehrszentralen genauso wie von Polizei und Strafverfolgungsbehörden. Dabei hängt die Nutzbarkeit solcher Quellen von den jeweiligen Gesetzgebungen in den Ländern ab, die wegen des Datenschutzes unterschiedlich zu handhaben sind, sei es in Amerika, in China oder in Europa.

Auch wenn sich Everbridge als globales Unternehmen versteht, der mit Abstand überwiegende Teil – 80 Prozent des Umsatzes von rund 150 Millionen Dollar im Jahr – wird mit amerikanischen Kunden bestritten. Das noch vergleichsweise kleine Auslandsgeschäft soll forciert werden. Seit Mitte vergangenen Jahres ist das Unternehmen auch in Deutschland vertreten und versucht seine Präsenz so in Europa neben Büros in Frankreich und Großbritannien auszuweiten. Mit dem Touristenkonzern TUI und dem Verlag Axel Springer gebe es hierzulande erste Referenzen.

“Für die deutschen großen und mittelständischen Unternehmen, die einen Großteil des Umsatzes weltweit erwirtschaften, ist die Reisesicherheit für Mitarbeiter ein äußerst wichtiges Thema”, sagt Deutschland-Chef Andreas Junck. “Das erfordert eine besondere Planung, spezielle Prozesse und entsprechende Instrumente.” Doch es gibt auch eine spezielle, in jüngster Zeit sich häufende Problemstellung. “Viele Unternehmen proben eine Gebäudeevakuierung nicht nur für den Fall eines Brandes”, sagt er. “Manche sind auch schon gefordert gewesen, wenn es um eine Evakuierung wegen einer Fliegerbombe gegangen ist, was erhebliche Auswirkungen auf die Betriebsabläufe hat.”

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